Sind meine Esel beweglicher, agiler, freier, vertrauensvoller und risikofreudiger als ich?

Es ist Freitagmittag, ich radle nach Hause – dies auch erst, nachdem ich meine LandiApp konsultiert habe und mir dieses ein «regenfreies» Zeitfenster für meinen Heimweg ins Wochenende anzeigte. Digitalisierung sei Dank, ich bin wirklich nicht nass geworden, obwohl ja wettermässig die Vorhersagen auch nicht immer zutreffen!

Beim Radeln gehen mir tausend Gedanke durch den Kopf über all die Themen, Kompetenzen, das sog. Wissenswerte was ich meinen Schüler*innen diese Woche vermitteln wollte und evtl. sogar vermitteln konnte. Gedanklich gehe ich auch die Gespräche mit meiner Familie, Kollegen, Freunden und Bekannten der letzten Tage durch und beschliesse, dass ich all diese Gedanken sofort nach meiner Rückkehr niederschreiben sollte.

Nun sitze ich also am PC und haue in die Tasten was das Zeug hält. Ich gehe nicht strukturiert vor, und schreibe einfach drauf los. Obwohl ich diese Zeilen in meinem Blog veröffentlichen werde schreibe ich dies einzig für mich nieder.

Wie gehen meine beiden Eselsdamen mit Neuem und Unbekannten um?
In meinem Alltag verdrängen Reglemente, Prozesse, Vorgaben, Verhaltensanweisungen, Checklisten immer öfters mein eigenständiges Denken und Handeln - mein gesunder Menschenverstand und meine Eigeninitiative werden immer mehr unterdrückt.

Aber ist alles vorhersehbar und planbar? Weshalb wollen wir immer mehr diese einengenden Strukturen und Absicherungen? Weshalb müssen wir regeln bevor wir handeln? Wir sichern uns ab, versichern uns, gehen alle möglichen Eventualitäten durch und wagen kaum noch etwas Unbekanntes mit unsicherem Ausgang.
Wenn etwas schiefgehen könnte verzichten wir lieber, weil die Angst des Scheitern uns nicht nur behindert sondern teilweise auch lähmt.
Suchen wir heute weniger das Risiko und möchten alles möglichst genau vorhersehen und vorher regeln? Sind meine Welt und meine Umgebung mutloser geworden?

Diese Woche habe ich mit meinen Klassen die Themen «Unternehmungsmodell» und «Marktwirtschaft sowie MEHRWERTsteuer und Bewertungen/Stille Reserven angeschaut. Tolle Themen, um meinen Titel dieses Eselblogs etwas zu konkretisieren.
Mit einer Wirtschaftsklassen habe ich den Film «Dutti der Riese», ein spannendes Stück Schweizer Zeitgeschichte, angeschaut und besprochen. Duttweiler war als Pionier der Schweizer Wirtschaft auch eine Polarisationsfigur, ein widersprüchlicher Stehaufmann, das sich scheinbar von nichts und niemandem in die Knie zwingen liess, der sowohl knallharter Geschäftsmann, aber auch beispielsloser Wohltäter war.
Für was ich ihn aber bewundere ist, dass er ein Macher war, kein Zögerer und er konnte blitzschnelle Bauchentscheide fällen; er hatte auch keine Angst vor Niederlagen oder Flops.
Man muss sich vor Augen halten, dass Gottlieb Duttweiler die Migros im August 1925 gründete. 16 Mitarbeiter fuhren mit 7 Verkaufswagen gefüllt mit 6 Produkten des täglichen Bedarfs (mangels Geschäftsladen) zur Kundschaft in Zürich.
Keine 4 Monate später beschäftigte er bereits 25 Mitarbeiter und steuerte über 300 Orte mit den Verkaufswagen an, und gut 90 Jahre später ist die Migros mit einem Umsatz von gut 28 Mrd. der grösste Detailhändler der Schweiz und zählt zu den 500 grössten Firmen der Welt.
Wäre dies möglich gewesen, wenn Dutti nicht mutig und risikofreudig oder wenn er keine Visionen gehabt hätte? Zum Glück war Dutti nicht nur auf Sicherheit aus, wollte nicht das Altbewährte bewahren, liess sich nicht durch seine Widersacher, Zweifler einschüchtern und wollte Neues, Unbekanntes ausprobieren – er liess sich von der Unbekannten und nicht planbaren Zukunft nicht einschüchtern.

Einer weiteren W+R Klasse versuchte ich die verschiedenen Wirtschaftsordnungen näher zu bringen. Bereits Adam Smith sah im Gelingen der Marktwirtschaft die «unsichtbare Hand». Wird unsere Zukunft nicht auch mit einer «unsichtbaren Hand» gelenkt – wir können die Zukunft zwar ein bisschen gestalten und beeinflussen, aber was, wie und wann es genau kommt wissen wir nie und können es auch nur schwierig vorhersagen.

MEHRWERTsteuer im Fach Finanzbuchhaltung habe ich diese Woche auch unterrichtet. Dort geht es um Mehrwert(-Besteuerung). Was ist eigentlich ein Mehrwert und wieviel ist «Mehr» und ist mehr immer mehr?
In diesem Zusammenhang kommen mir auch die Gespräche im Lehrerkollegium in den Sinn betreffend MEHRWERT in Bezug auf die Digitalisierung (Digital-Tag war ja auch noch diese Woche) und von die Diskussionen im Zusammenhang von »bring your own device».
Ich mache mir Gedanken, ob alles immer besser sein muss bzw. wird und ich überlege mir, weshalb wir immer vergleichen und immer besser werden wollen.
Kann immer MEHR das Ziel sein soll? Kann das Neue, das Andere nicht wertfrei betrachtet werden? Viele technische Errungenschaften bringen nicht zwingend einen MEHRwert jedoch einfach einen NEUwert.

Und dann bin ich gedanklich beim andere Thema im Fach FRW, welches ich diese Woche auch mit einer Klasse besprochen habe, nämlich Bewerten und stille Reserven. Auch hier geht es um Werte – diesmal geht es nicht um einen Mehrwert sondern um eine Bewertung, die der Realität am Nächsten kommen sollte - ist dies überhaupt möglich?

Digitalisierung heisst die Realität im Alltag - ob dies nun als MEHRwert bezeichnet werden kann? Dies möchte ich nicht beurteilen sondern einfach wertfrei mit NEUwert beschreiben.
Weshalb stressen uns all die Ungewissheiten und Unsicherheiten überhaupt? Ist scheitern nicht mehr erlaubt?
Und da helfen mir wiederum die Gedanken an meine Eseln, dieses Unbehagen loszuwerden. Mit Ihnen kann man nicht alles planen und vorhersehen aber mit ihnen kann man sehr viel erleben, entdecken und lernen.